Das weite Feld der Inspiration

Vor einiger Zeit kam meine Tochter aus der Schule und erzählte mir von einer spannenden Hausaufgabe. Sie sollte ein Gedicht schreiben, dazu passend ein Foto machen und beides rezensieren. An diese Aufgabe konnte sie planvoll strukturiert heran gehen. Sie konnte ihre Ideen dazu aber auch reifen lassen. Die Herausforderung bestand darin, Bild und Text sinn- und stilvoll miteinander zu verknüpfen. Welchen Weg sie gehen würde, erst ein Bild machen und anschließend die Verse dazu finden oder andersherum, konnte sie selbst wählen. Dafür musste sie sich nur öffnen und inspirieren lassen. Klingt einfach, ist es aber nicht immer. Es gibt Menschen, die besitzen die Gabe der geschärften Wahrnehmung. Sie finden überall und jederzeit Inspiration. Ist der Rahmen erst einmal abgesteckt, arbeitet unser Gehirn im Hintergrund, scannt unsere Umgebung und prüft die Eindrücke auf ihre Tauglichkeit im konkreten Zusammenhang. Einige Gedanken kristallisieren sich heraus. An diese werden weitere Ideen angeknüpft. Es entsteht ein engmaschiges Netz, das mit Inhalt gefüllt werden will. Der kreative Kern der im Deutschunterricht gestellten Aufgabe ist die Verbindung zweier Medien. Die Schüler sollten sich intensiv auseinandersetzen, in die Tiefe gehen und aus den Quellen der Inspiration schöpfen.

Meine wichtigsten Inspirationsquellen sind:

  • Menschen – Menschen sind Persönlichkeiten, Typen, ja manchmal auch Stereotypen. Sie sind Kommunikationspartner, Vorbilder oder Traumwesen. Wir alle kennen viele Menschen, in der Familie, als Freunde oder eben nur als Bekannte. Die meisten Menschen sind uns jedoch fremd, sie begegnen uns im Vorübergehen, im virtuellen Raum, in den Medien. Darüber hinaus gibt es auch noch diejenigen, die vor unserer Zeit gelebt, uns aber doch eine Menge hinterlassen haben. Egal wo wir wann sind, irgendwo sind immer andere Menschen um uns herum und einfach da. Manche begleiten uns ein Leben lang, andere nur ein Stück des Weges. Mit unserer persönlichen Entwicklung verändern wir unsere Sichtweisen. Damit geht ein Wechselspiel von Nähe und Distanz einher. Und doch prägen in erster Linie die Menschen unser Handeln, Denken und Fühlen. Wir sind in ständiger Interaktion mit unseren Mitmenschen. Und last but not least sind unsere Vorfahren die Grundlage unserer Existenz.
  • Situationen – Sie widerfahren uns permanent. Wir können jederzeit aktiv Einfluss nehmen, sie gestalten. Es gibt Situationen, die wir nicht selbst herbei geführt haben. Auf diese müssen wir reagieren. Wenn sie eintreten, machen wir einfach das Beste daraus. Das ist nicht immer so einfach, und doch besteht unser Lebensweg aus einer Aneinanderreihung von Begebenheiten. Wir machen unsere Erfahrungen, die uns künftig entsprechend reagieren lassen. Gelegentlich haben wir ein Déjà vu, finden uns also in einer Szenerie, von der wir glauben, sie schon einmal erlebt zu haben. Trotzdem gibt es nie eine exakte Wiederholung. Das Murmeltier grüßt nur im Film täglich. Jede Situation wird von vielen Einflüssen bestimmt, ist einzigartig. Darin liegt der Reiz unserer Inspiration.
  • Orte – „Wenn einer eine Reise macht, dann kann er was erzählen.“ So geht ein alter Spruch. Tatsächlich bringen wir von unseren Reisen Erlebnisse, Eindrücke und Erinnerungen mit, die unser Leben mehr oder weniger beeinflussen. Besonders und gerade auf Reisen gehen wir mit offenem Blick und geschärften Sinnen umher. Schließlich wollen wir soviel wie möglich mitnehmen von der sprudelnden Inspirationsquelle. Trotzdem müssen inspirierende Orte nicht zwangsläufig in der Ferne liegen. Auch die vertrauten Orte unseres Alltages sind eine wahre Fundgrube, denn in gewohnter Umgebung gibt es so viel zu entdecken, verbringen wir doch den größten Teil unserer Zeit genau dort.
  • Materialien – Viele Grundstoffe geben bereits von sich aus eine Richtung für die Verarbeitung vor, sei es die natürliche Beschaffenheit oder durch Verarbeitung gegebene Eigenschaften. Diese sind immer ein Rahmen. Wie wir diesen Rahmen ausfüllen, bestimmen wir selbst. Es gibt unzählige Kombinationsmöglichkeiten. Natürlich können wir Materialien auch zweckentfremdet einsetzen. Allein Papier wird so vielfältig genutzt. Angefangen beim Bedrucken/Beschreiben, zum Zeichnen oder bemalt, weiter in gefalteter Form, als Dekoration an der Wand, verarbeitet zu Möbeln bis hin als Garn. Ebenso vielseitig wird Holz eingesetzt, aber auch die unterschiedlichen Texturen von Stoffen und Garnen kommen mir in den Sinn. Auch wenn uns vielleicht nicht immer gleich etwas einfällt, so können wir einen Stein, ein Stück Holz, ein Blatt Papier durchaus fragen, was es denn gerne werden möchte. Die Antwort kommt und wird uns überraschen. Unter Berücksichtigung der Verschwendung von Ressourcen, der Ungleichheit des globalen Marktes und des enormen Energieaufwandes beim Recycling, lege ich mein Augenmerk auf das Upcycling, ganz nach dem Motto: „Aus Alt mach Neu.“
  • Farben – Nicht nur beim Färben von Wolle oder Fasern berücksichtige ich die besonderen Wirkungsweisen von Farben. Im Gegenteil, oft sehe ich eine bestimmte Farbkomposition, die ich dann genau so auf meine Materialien bekommen möchte. Der Farbkreis gibt uns eine Orientierung, wie sich Farben zueinander verhalten. Jeder hat eine Lieblingsfarbe. Haben wir aber eine Idee im Kopf, dann ist deren Bild niemals schwarzweiß sondern immer farbig. Farben werden Bedeutungen zugeordnet, beispielsweise Rot als Warnung oder für die Liebe. Farbe ist ein universelles Thema, so verschieden und doch fast überall da. Wir können sie entsprechend unserer Stimmung auswählen, andererseits aber durch geschickte Farbkompositionen unterschiedliche Eindrücke erwecken, Muster und Bilder entstehen lassen.

Natürlich gibt es noch viele weitere Inspirationsquellen. Hier habe ich meine wichtigsten beschrieben, deren Vollständigkeit ich keinesfalls beanspruche. Idealerweise schöpfen wir aus vielen gleichzeitig, kombinieren unsere Sinne. Jeder hat seine ganz eigenen Reize, die ihn inspirieren. Also seid ihr nun an der Reihe, eure eigenen fünf wichtigsten herauszufinden.

Meine Tochter hat ihre Aufgabe bewältigt. Zuerst hatte sie ein Bild im Kopf. Dazu hat sie die Zeilen des Gedichtes verfasst. Zuletzt ist sie auf Motivsuche gegangen, für das Foto, das ihrem inneren Bild am besten entspricht. Wie sie jedoch auf den Ausgangsgedanken gekommen ist, kann sie im Nachhinein nicht mehr sagen.

 

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