Art Journal – kreative Entfaltung

Unser kreatives Potential steckt an jedem Tag in jedem von uns. Wir müssen es nur zulassen. Mancher muss etwas tiefer graben, für andere ist es ein fester Bestandteil des Alltages. Übung macht ja bekanntlich den Meister. Daher ist das Führen eines Artjournals die ideale Form, das persönliche Potential zu entfalten, unsere eigene Kreativität zur Gewohnheit zu machen.

Was ist ein Artjournal? Eine eindeutige Definition hierfür zu finden ist schwierig. Übersetzt heißt es nichts anderes als ein künstlerisch geführtes Tagebuch. Die Form ist völlig frei, ebenso der Turnus für die Einträge. Tagebuch heißt also nicht zwangsläufig täglich darin zu arbeiten. Wer sich darin üben möchte, mehr Kreativität in seinen Alltag zu integrieren, dem empfehle ich einen festen Rhythmus. Das sollte anfangs tatsächlich täglich sein, um die Gewohnheit zu installieren. Jeder hat die Wahl, ein einfaches Heft, ein Notizbuch, ein Skizzenbuch oder einen Kalender zu gestalten. Alles ist erlaubt, beachten sollte man lediglich, dass ein Heft oder Buch, das wir gerne zur Hand nehmen, die Motivation regelmäßig darin zu arbeiten, enorm steigern kann. Wer von Beginn an eine klare Vorstellung davon hat, welche künstlerischen Techniken in seinem Journal Eingang finden werden, kann bei der Auswahl die Papierstärke berücksichtigen. In einem Schulheft beispielsweise drücken Filzstifte durch das Papier und Aquarellfarben weichen die Seiten sofort durch. Die beste Wahl zu Beginn ist ein ganz normales Skizzenbuch. Bei der Gestaltung gibt es keine Regeln, alles ist erlaubt, alles darf probiert werden, egal ob nur ein Text, eine Zeichnung, ein Bild, eine Collage oder ein Mix aus allem. Wichtig ist allein, je mehr Aufmerksamkeit ich meinem Journal widme, umso mehr wird meine Aufmerksamkeit geschärft.

Ein illustriertes Journal wird ein Begleiter, ein Lehrer aber auch ein Spiegel sein, der uns zeigt, wie die Welt im Ganzen ist und wie wir sie sehen.

Bereits 15 000 Jahre vor unserer Zeit bildeten die Menschen in Höhlenzeichnungen das ab, was sie bewegte oder was sie mitteilen wollten. Aus dem weiteren Verlauf der Kunstgeschichte sind uns Beispiele bekannt, wie die Menschen ihre Erlebnisse und Träume mit mehr oder weniger einfachen Mitteln künstlerisch festgehalten haben. Heute haben viele Menschen die Wahl ihrer Mittel. Im Wandel der Zeiten haben sich auch die Beweggründe geändert, aus denen man sich einem Journal zuwendet. Aus ihrer Vielzahl habe ich die für mich wichtigsten Vorteile herausgefiltert:

  • Zeit mit mir selbst verbringen, sich Zeit für mich selbst nehmen ist ein wichtiger Aspekt der Selbstfürsorge. Der achtsame Umgang sich selbst gegenüber stärkt die physische und psychische Gesundheit.
  • Wer die eigenen Gedanken notiert, wird gelassener und bewusster. Das schließt selbstverständlich die Illustration unserer Gedanken ein. Eine entspannte Auseinandersetzung mit den Themen unserer Gegenwart und die konzentrierte Wahrnehmung unserer Umwelt hilft, diese verrückte Welt friedlicher zu machen.
  • Zeichnen lernen heißt sehen lernen. Wir schärfen unseren Blick für das Wesentliche und befähigen uns damit selbst, die Perspektive zu wechseln, beim Zeichnen wie im Leben.
  • Auch wenn man sich selbst nicht als Künstler sieht, so geben wir dem Künstler, der in jedem von uns steckt, genau die Projektionsfläche, die er verdient. Die Bühne/Galerie hat genau die Maße, die unsere individuelle Kreativität benötigt.
  • Wir geben uns selbst die Gelegenheit, zu lernen, auszuprobieren und uns zu entwickeln. Diesen Prozess zu begleiten und zu gestalten gibt uns lebensnotwendige Energie. Der Weg ist das Ziel und führt uns zur Erkenntnis.

Im Folgenden zeige ich nun die Entstehung einer Journalseite Schritt für Schritt:

Ich verwende hier das Classic Artist’s Journal von Fabriano (192 Seiten;90g).

Zuerst zeichne ich mit Bleistift vor. Ich platziere einen herzförmigen Umriss.

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In diesen Umriss skizziere ich ein Gesicht.

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Um das Herz gestalte ich jetzt Blütenblätter.

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Im nächsten Schritt beginne ich mit Aquarellbuntstiften die vorgezeichneten Motive auszumalen.

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Die Blütenblätter gestalte ich mit jeweils drei Tönen einer Farbe.

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Nachdem ich alle Flächen farbig gestaltet habe, werden diese nach und nach mit einem Pinsel und klarem Wasser vermalt. Sie Struktur der Stifte bleibt dabei erhalten, bekommt aber dazu einen weichen verwischten Effekt.

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Wenn die Farben getrocknet ist, schreibe ich mit einem wasserfesten Fineliner meinen Text in das Bild.

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Fertig.

Das Thema Art Journal ist schier unerschöpflich, das kann hier nur als allgemeine Betrachtung angerissen werden. Künftig werde ich es hier immer mal wieder aufgreifen, einfach weil es so viel kreatives Potential hat und weil es jederzeit Spaß macht.

Nun lasst euch inspirieren, von meinem Beispiel oder von dem, was euch umgibt. Für den Anfang reicht ein Skizzenbuch und Stifte. Die Ideen kommen beim Machen, und Übung macht den Meister.

Meine Inspirationsfavoriten:

 

 

 

 

Ein Wochenende im Frühling

Jedes Jahr gibt es im Mai das lange Wochenende von Himmelfahrt am Donnerstag über den Brückentag am Freitag bis zum Sonntag. Auch wenn es diesmal schon Anfang Mai lag, so verwöhnte uns das Wetter mit frühsommerlichen Temperaturen. Also stellte sich vorher die Frage, was wir mit der freien Zeit anfangen würden. Wegfahren war keine Option. Im Garten ist es so schön, auch wenn noch einige Arbeit gemacht werden wollte. Trotzdem hatte ich Lust, ein neues Projekt zu starten. Seit Wochen ging mir eine Stricktechnik (klick, klick) nicht mehr aus dem Kopf. Die wollte ich nun endlich mal ausprobieren. Ein schönes Lacegarn, in verschiedenen Rottönen gefärbt, lag seit meinem letzten Besuch im örtlichen Wolleladen in unmittelbarer Sichtweite. Damit hatte ich drei wunderbare Inspirationen, die ich nun miteinander verbinden konnte: langes Wochenende, schönes Garn und Wissbegier auf neue Technik. Weil ich kein Freund von Probeläppchen bin, sollte die Entdeckung gleich in einem Projekt integriert werden. Nun, ein Tuch geht immer. Ist das Muster recht anspruchsvoll, so sollte die Form einfach bleiben und die Zunahmen, die Wiederholungen und die Farbwechsel logisch und leicht verständlich sein. So braucht man nur zu Beginn auf die Strickschrift schauen und erkennt nach einer Pause sofort, wie es weitergeht. Soweit die Eckdaten meiner Idee.

Vor dem Stricken kommt die Zeichnung.

Mit Bleistift, Radiergummi und kariertem Papier ging ich am Mittwoch also an den Start. Durch viel Erfahrung und mit einem guten Vorstellungsvermögen gelingt es mir, das Strickmuster als Strickschrift zu skizzieren. Dabei muss man etwas rechnen und für die entsprechenden Maschen die Symbole kennen. Das ist im Grunde wie eine Sprache, eben eine Symbolschrift. Mein erster Versuch ging gut auf. In einer schönen Regelmäßigkeit wiederholten sich sechs Reihen. Die Zunahmen an den Seiten und in der Mitte ließen das Muster aber zu schnell in die Breite gehen. Das kann funktionieren, bedeutet jedoch, dass die Reihen bald endlos lang werden, was dann dem Durchhaltevermögen nicht dienlich ist. Also nochmal von vorn. Im zweiten Chart verringerte ich die Zunahmen um die Hälfte bei gleich bleibender Wiederholung der sechs Reihen. Damit war ich zufriedener.

Garn wickeln steigert die Vorfreude.

Ich liebe die Garne in Strängen. Das war früher ganz anders. Dieses langwierige Wickeln, von Stuhllehnen auf feste Knäuel, die dann beim Abstricken durch den ganzen Raum rollten, gehört zum Glück der Vergangenheit an. Mit dem passenden Equipment aus Haspel und Wollwickler macht es richtig Spaß. Allein der Moment, wenn man den Strang löst, ist feierlich. Das Knäuel, das auf dem Wickler entsteht, ist ein Zylinder, der nicht wegrollt, wenn man mit dem inneren Faden arbeitet. Gerade bei handgefärbten Garnen verändert sich auch die optische Wirkung der Farbspiele und erhöht nochmals meine Motivation.

Mit dem Maschenanschlag ist der Projektstart vollzogen.

Auch wenn ich das Projekt der Form halber bereits mit dem Entwurf begonnen habe, so ist der Anfang tatsächlich erst dann gemacht, wenn das eigentliche Stricken los geht. Schließlich habe ich jede Menge Ideen auf dem Papier festgehalten, die noch darauf warten, angestrickt zu werden. Besonders freue ich mich, wenn mein Entwurf in den ersten Reihen exakt passt, ich mich nirgendwo verzählt oder verrechnet habe. Nach zwei, drei Wiederholungen erkennt man dann wie sich das Muster entwickelt. Die Reihen sind noch recht kurz, es geht flott voran. Der ausgedachte Rhythmus von Muster- und Farbwechsel wird erkennbar und spielt sich ein. Alles passt und das Stricken geht nun mindless, also ohne groß nachzudenken.

Die Herausforderung besteht für mich jetzt darin, die Motivation zu behalten. Ist die Denk- und Rechenarbeit getan, brauche ich eine große Portion Fleiß, um mein Strickstück fertig zu stellen. Gerade bei sich wiederholenden Flächenmustern sieht man den Fortschritt nicht immer. Also habe ich hier einen kleinen Ton in Ton- Farbwechsel eingebaut, ähnlich den Kapiteln in einem Buch. Das strukturiert die Arbeit und erhält die Lust.

Aus einer zusätzlichen Motivationquelle könnte ich schöpfen, wenn ich einen Mitstricker oder eine Mitstrickerin hätte. So könnten wir uns gegenseitig voran bringen. Die Idee gefällt mir. Wer gerne mit mir ein Tuch als Mystery, also ohne das konkret fertige Ergebnis zu kennen, stricken möchte, einfach hier einen Kommentar verfassen oder eine Nachricht mit dem Kennwort „Tuch Berry“ senden. Ich freue mich darauf.

Tuch Berry - Start

Das weite Feld der Inspiration

Vor einiger Zeit kam meine Tochter aus der Schule und erzählte mir von einer spannenden Hausaufgabe. Sie sollte ein Gedicht schreiben, dazu passend ein Foto machen und beides rezensieren. An diese Aufgabe konnte sie planvoll strukturiert heran gehen. Sie konnte ihre Ideen dazu aber auch reifen lassen. Die Herausforderung bestand darin, Bild und Text sinn- und stilvoll miteinander zu verknüpfen. Welchen Weg sie gehen würde, erst ein Bild machen und anschließend die Verse dazu finden oder andersherum, konnte sie selbst wählen. Dafür musste sie sich nur öffnen und inspirieren lassen. Klingt einfach, ist es aber nicht immer. Es gibt Menschen, die besitzen die Gabe der geschärften Wahrnehmung. Sie finden überall und jederzeit Inspiration. Ist der Rahmen erst einmal abgesteckt, arbeitet unser Gehirn im Hintergrund, scannt unsere Umgebung und prüft die Eindrücke auf ihre Tauglichkeit im konkreten Zusammenhang. Einige Gedanken kristallisieren sich heraus. An diese werden weitere Ideen angeknüpft. Es entsteht ein engmaschiges Netz, das mit Inhalt gefüllt werden will. Der kreative Kern der im Deutschunterricht gestellten Aufgabe ist die Verbindung zweier Medien. Die Schüler sollten sich intensiv auseinandersetzen, in die Tiefe gehen und aus den Quellen der Inspiration schöpfen.

Meine wichtigsten Inspirationsquellen sind:

  • Menschen – Menschen sind Persönlichkeiten, Typen, ja manchmal auch Stereotypen. Sie sind Kommunikationspartner, Vorbilder oder Traumwesen. Wir alle kennen viele Menschen, in der Familie, als Freunde oder eben nur als Bekannte. Die meisten Menschen sind uns jedoch fremd, sie begegnen uns im Vorübergehen, im virtuellen Raum, in den Medien. Darüber hinaus gibt es auch noch diejenigen, die vor unserer Zeit gelebt, uns aber doch eine Menge hinterlassen haben. Egal wo wir wann sind, irgendwo sind immer andere Menschen um uns herum und einfach da. Manche begleiten uns ein Leben lang, andere nur ein Stück des Weges. Mit unserer persönlichen Entwicklung verändern wir unsere Sichtweisen. Damit geht ein Wechselspiel von Nähe und Distanz einher. Und doch prägen in erster Linie die Menschen unser Handeln, Denken und Fühlen. Wir sind in ständiger Interaktion mit unseren Mitmenschen. Und last but not least sind unsere Vorfahren die Grundlage unserer Existenz.
  • Situationen – Sie widerfahren uns permanent. Wir können jederzeit aktiv Einfluss nehmen, sie gestalten. Es gibt Situationen, die wir nicht selbst herbei geführt haben. Auf diese müssen wir reagieren. Wenn sie eintreten, machen wir einfach das Beste daraus. Das ist nicht immer so einfach, und doch besteht unser Lebensweg aus einer Aneinanderreihung von Begebenheiten. Wir machen unsere Erfahrungen, die uns künftig entsprechend reagieren lassen. Gelegentlich haben wir ein Déjà vu, finden uns also in einer Szenerie, von der wir glauben, sie schon einmal erlebt zu haben. Trotzdem gibt es nie eine exakte Wiederholung. Das Murmeltier grüßt nur im Film täglich. Jede Situation wird von vielen Einflüssen bestimmt, ist einzigartig. Darin liegt der Reiz unserer Inspiration.
  • Orte – „Wenn einer eine Reise macht, dann kann er was erzählen.“ So geht ein alter Spruch. Tatsächlich bringen wir von unseren Reisen Erlebnisse, Eindrücke und Erinnerungen mit, die unser Leben mehr oder weniger beeinflussen. Besonders und gerade auf Reisen gehen wir mit offenem Blick und geschärften Sinnen umher. Schließlich wollen wir soviel wie möglich mitnehmen von der sprudelnden Inspirationsquelle. Trotzdem müssen inspirierende Orte nicht zwangsläufig in der Ferne liegen. Auch die vertrauten Orte unseres Alltages sind eine wahre Fundgrube, denn in gewohnter Umgebung gibt es so viel zu entdecken, verbringen wir doch den größten Teil unserer Zeit genau dort.
  • Materialien – Viele Grundstoffe geben bereits von sich aus eine Richtung für die Verarbeitung vor, sei es die natürliche Beschaffenheit oder durch Verarbeitung gegebene Eigenschaften. Diese sind immer ein Rahmen. Wie wir diesen Rahmen ausfüllen, bestimmen wir selbst. Es gibt unzählige Kombinationsmöglichkeiten. Natürlich können wir Materialien auch zweckentfremdet einsetzen. Allein Papier wird so vielfältig genutzt. Angefangen beim Bedrucken/Beschreiben, zum Zeichnen oder bemalt, weiter in gefalteter Form, als Dekoration an der Wand, verarbeitet zu Möbeln bis hin als Garn. Ebenso vielseitig wird Holz eingesetzt, aber auch die unterschiedlichen Texturen von Stoffen und Garnen kommen mir in den Sinn. Auch wenn uns vielleicht nicht immer gleich etwas einfällt, so können wir einen Stein, ein Stück Holz, ein Blatt Papier durchaus fragen, was es denn gerne werden möchte. Die Antwort kommt und wird uns überraschen. Unter Berücksichtigung der Verschwendung von Ressourcen, der Ungleichheit des globalen Marktes und des enormen Energieaufwandes beim Recycling, lege ich mein Augenmerk auf das Upcycling, ganz nach dem Motto: „Aus Alt mach Neu.“
  • Farben – Nicht nur beim Färben von Wolle oder Fasern berücksichtige ich die besonderen Wirkungsweisen von Farben. Im Gegenteil, oft sehe ich eine bestimmte Farbkomposition, die ich dann genau so auf meine Materialien bekommen möchte. Der Farbkreis gibt uns eine Orientierung, wie sich Farben zueinander verhalten. Jeder hat eine Lieblingsfarbe. Haben wir aber eine Idee im Kopf, dann ist deren Bild niemals schwarzweiß sondern immer farbig. Farben werden Bedeutungen zugeordnet, beispielsweise Rot als Warnung oder für die Liebe. Farbe ist ein universelles Thema, so verschieden und doch fast überall da. Wir können sie entsprechend unserer Stimmung auswählen, andererseits aber durch geschickte Farbkompositionen unterschiedliche Eindrücke erwecken, Muster und Bilder entstehen lassen.

Natürlich gibt es noch viele weitere Inspirationsquellen. Hier habe ich meine wichtigsten beschrieben, deren Vollständigkeit ich keinesfalls beanspruche. Idealerweise schöpfen wir aus vielen gleichzeitig, kombinieren unsere Sinne. Jeder hat seine ganz eigenen Reize, die ihn inspirieren. Also seid ihr nun an der Reihe, eure eigenen fünf wichtigsten herauszufinden.

Meine Tochter hat ihre Aufgabe bewältigt. Zuerst hatte sie ein Bild im Kopf. Dazu hat sie die Zeilen des Gedichtes verfasst. Zuletzt ist sie auf Motivsuche gegangen, für das Foto, das ihrem inneren Bild am besten entspricht. Wie sie jedoch auf den Ausgangsgedanken gekommen ist, kann sie im Nachhinein nicht mehr sagen.

 

Mach dir deine eigenen Wörter

Wie oft passiert es uns, dass wir genau das eine Wort suchen, um exakt das zu benennen, was wir tatsächlich sagen wollen. Dann rotieren die Gedanken, verstricken sich in Ketten, blitzen Einfälle auf, und wir sind doch nicht so richtig zufrieden. Gebräuchliche Begriffe sind uns nicht genug. Da muss es doch noch etwas geben, das treffender ist. Schließlich möchte niemand missverstanden werden. Das geht jedem von uns so, der nicht wild drauflos schreibt, sondern kurz darüber nachdenkt, wie die Aussage beim Empfänger ankommt. Autoren können davon ein Lied singen, aber auch viele Forenmitglieder. Der Ton macht eben auch beim geschriebenen Wort die Musik. Die Sprache hat Macht. Sprache spiegelt auch immer die Persönlichkeit, unsere aktuelle Tagesform und passt sich stets der gegebenen Situation an. Kommunikation findet auf vielen Kanälen gleichzeitig statt. Das weiß jeder, manche vergessen es gelegentlich. Egal, darauf will ich nicht hinaus. Mir geht es eher um die Begriffe – Begriff; begreifen; greifen; halten; spüren; verstehen… Gute Sprache ist nicht immer selbstverständlich, obwohl sie das Leben deutlich niveauvoller macht. Neben den verschiedenen Dialekten wird unser Verständnis obendrein durch die Verwendung von regional spezifischen Bezeichnungen erschwert.

✏️ – Bodentuch – findet regionale Synonyme: Scheuerlappen, Feudel………………

Vielen Menschen fällt es schwer, klare Ansagen zu machen. Da wird um den heißen Brei herumgeredet, was das Zeug hält. Jeder kennt die Typen, die zwar viel reden, aber nichts sagen. Das wird dann meist schnell langweilig, träge, zäh. Eine spritzige, witzige und einfallsreiche Sprache ist nicht nur angenehmer, sie erhält unsere Aufmerksamkeit und schafft Erinnerung. Genauso verhält es sich bei Wortschöpfungen. Gerade in der Werbung tauchen immer wieder neue Slogans auf. Adjektive werden sonnenfrisch zu wolkenweißen Versprechungen zusammengesetzt. Die Mathematikbücher eines Schulbuchverlages heißen Nussknacker, werden aber doch das ganze Schuljahr verwendet, nicht nur in der Weihnachtszeit. In unserer globalen Welt wird unsere Sprache fortlaufend durch neue Begriffe ergänzt. Selbst das entsprechende Wort -denglisch- ist eine Zusammensetzung aus Deutsch und Englisch. Jeder weiß aber, was gemeint ist. Mit fortschreitender technischer Entwicklung entstehen neue Eigennamen. Im Jahr 1998 suchten Visionäre nach einem treffenden Namen für ihre Internetsuchmaschine. Sie fanden sie im Wort Googol, der Bezeichnung für eine Zahl aus eins und hundert Nullen. Es dauerte nicht lange, bis die Menschen die Tätigkeit, im Internet mit Hilfe dieser Suchmaschine zu recherchieren, als googeln bezeichneten. Seit 2004 steht das auch so im Duden. Die Entwickler haben es geschafft, mit einem Phantasiewort eine Marke zu kreieren. Ähnlich kreativ waren die Gründer von Haribo, Adidas und Lego. Mehr davon gibt es hier.

Wortschöpfungen entstehen auf unterschiedlichsten Wegen. Wir können einfache Techniken anwenden und diese miteinander kombinieren.

  • Wortsinn erfassen – Synonyme finden: ist eine der einfachsten Übungen. Gerade sinnverwandte Wörter bieten eine Fülle an Möglichkeiten, unsere Sprache spannend zu gestalten. Auf der Suche nach einem entsprechenden Begriff zapfen wir unseren Wissens- und Erfahrungsschatz an, der die Grundlage für schöpferische Prozesse bildet.
  • Wörter zusammensetzen und ableiten: Wir alle wissen, dass ein Juwelendieb Juwelen stiehlt, aber ein Meisterdieb keine Meister. Dennoch ist uns der Begriff geläufig. Die Übergänge von Ableitung und Zusammensetzung sind fließend, die Variationen unbegrenzt. Viele Kofferwörter sind in unserem Sprachgebrauch angekommen, Brunch- ist die Mahlzeit zwischen Breakfast und Lunch und Mechatroniker kennen sich in der Mechanik und der Elektronik aus.
  • Ein Satz, ein Wort: Neue Eigennamen entstehen oft in dieser Art. Wir formulieren einen treffenden Satz. Aus den Anfangsbuchstaben der verwendeten Wörter bilden wir einen Begriff. Die begrenzte Anzahl an Vokalen erschwert diese Methode. Also kann man auch die erste Silbe der Wörter verwenden. Eine bekannte Wollfärberin gab ihren 99%igen Wollsträngen den treffenden Namen Nip- Nobody is perfect.
  • Silben/ Buchstaben vertauschen: Bis heute bin ich bei dem Lied von den drei Chinesen mit dem Kontrabass textsicher. Das ist auch nicht schwer, denn der Text bleibt in jeder Strophe gleich. Nur die Vokale werden ausgetauscht. Auch die Silben eines Wortes können ausgetauscht oder verdreht werden. Auf diese Weise erhalten wir ebenfalls neue Wörter.
  • Wortspiele: Umkehrungen, Verdrehungen und Mehrdeutigkeiten verändern recht simpel den Sinn einer Aussage. Einen chinesischen Dieb nannten wir in Kindertagen Lang fing, der vom Lang fing fang gestellt wurde. Der Aufforderung:“Stück mal rück!“ bin ich auch schon gefolgt. Ein italienischer Schnellkochtopf ist ein Garibaldi, Kaffee ist eine Dorfschönheit und meinen Drucker habe ich auf Skandinavier eingestellt.

Unsere Umgebung ist voller Beispiele für Spielereien mit unserer Sprache. Wer aufmerksam ist entdeckt welche. Besonderes Vergnügen bereitet es, selbst welche zu erfinden.

Als ich 2009 Wollgewandt gegründet habe, brauchte ich einen aussagekräftigen Namen. Mein geschickter Umgang mit Garnen in jeglicher Form gab den Ausschlag. Für meine kreativen Aktivitäten brauchte ich auch einen einprägsamen Begriff. Die Zusammensetzung aus kreativ und Aktivität „kreativ“ gab es schon. Also habe ich überlegt, Synonyme gesucht und mit Wörtern jongliert, bis ich auf smact gekommen bin. Einen Wörterbucheintrag gibt es dazu noch nicht, aber so könnte er aussehen:

Smact die; zus.ges. smart und Action/Activität; pfiffige, (woll)gewandte Tätigkeit mit intensiv nachhaltiger Wirkung

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Aufmerksames Zuhören fördert unser Verständnis vom Leben und den Menschen. Lesen und Zuhören erweitert unseren Wortschatz, der wiederum eine wesentliche Voraussetzung dafür ist, sich kreativ mit Sprache auseinander zu setzen. Wählen wir unsere Worte mit Bedacht, erregen wir Interesse und Aufmerksamkeit bei unseren Gesprächspartnern, Zuhörern und Lesern. Auf diese Weise gelingt Kommunikation, gibt es mehr Verständnis, also weniger Missverständnisse. Wer mit Worten Bilder malen kann trägt dazu bei, unsere Welt etwas schöner zu machen. Sollte uns wieder einmal das richtige Wort fehlen, dann wird ein Blatt Papier ganz schnell zum Wortschöpfungslabor.

 

Mathematik kann tanzen

Kreativität ist Intelligenz, die Spaß hat. Da hat Albert Einstein schon recht. Es ist immer ein tolles Gefühl, wenn wir eine Lösung gefunden haben. Aber warum empfinden das viele von uns so selten? Ist nicht unser Alltag angefüllt mit Herausforderungen, die kleine oder große, schnelle oder langfristige Lösungen erfordern? Lösungen, für die wir manchmal recht ungewöhnliche Wege gehen.

Mir begegnen immer wieder Menschen, die mit einem ganz bestimmten Timbre in der Stimme sagen: „Hach, du bist so kreativ.“ um dann resigniert hinterher zu schieben: „Ich kann das nicht.“ Aber ist das wirklich so? Liegt die Kreativität nicht in der menschlichen Natur? Jeder von uns schöpft im Laufe seines Lebens aus Quellen, die nicht vorgegeben sind.

Wer kocht zum Beispiel immer streng nach Rezept? Haben wir nicht alle schon eine fehlende Zutat durch eine ähnliche ersetzt. Wer arbeitet stets genau nach einer Anleitung?Wie oft verwenden wir alternative Materialien, Farben oder ein vergleichbares Papier, Garn, Gewebe etc., ohne uns dessen tatsächlich bewusst zu sein? Ich wähle gelegentlich die abenteuerliche Variante, mit dem zu Kochen, was der Kühlschrank her gibt. Richtig spannend wird das, wenn mein Kühlschrank sehr begrenzte Mittel enthält. Dann ist Kreativität gefragt. Und ein solches Essen schmeckt dann besonders lecker, weil uns das Gefühl, etwas Tolles kreiert zu haben, bei Tisch begleitet.

Also muss ich tatsächlich ein Künstler sein, um als kreativ zu gelten? Natürlich nicht. Ingenieure, Forscher und Wissenschaftler sind es genauso. Die einzige Einschränkung sehe ich persönlich bei Menschen, die von sich behaupten, alles zu wissen. Diese nehmen sich selbst jegliche Kreativität, da sie meinen, nichts Neues entdecken zu können. Eine absolute Wahrheit ist jedoch nicht gegeben. Sie ergibt sich immer aus unseren subjektiven Erfahrungen.

Sokrates soll gesagt haben: „Ich weiß, dass ich nichts weiß.“

Mit diesem Gedanken im Hinterkopf behalten wir uns immer einen Raum für neue, andere Lösungen. Wir geben uns selbst eine Chance, etwas zu entdecken, uns zu überraschen. Dafür müssen wir lediglich bereit dazu sein, uns überraschen zu lassen. Wir brauchen also Neugier, um unser Leben spannend zu gestalten.

Bekanntes -> Neugier -> Spannung -> Lebendig = kreativ?

Das könnte eine Mögliche Beschreibung von Kreativität sein. Es ist schwer, eine allgemein gültige Definition von Kreativität zu finden. Das Spektrum reicht von

  • schöpferische (Ursprung aus dem Lateinischen zurückgeht. „Creare“ bedeutet übersetzt „schöpfen“)
  • allgemein die Fähigkeit, etwas vorher nicht da gewesenes, originelles und beständiges Neues zu kreieren
  • aus der Verbindung nicht verwandter Gegebenheiten, etwas Neues schaffen
  • vorhandenes Wissen in neue Zusammenhänge setzen
  • Verwandlung von Natur und Emotionen in lebenspraktischen Nutzen

Es ist also schwierig, eine einfache Erklärung für Kreativität zu finden. Dafür ist sie viel zu komplex, denn sie findet eben nicht nur in künstlerischen oder gestalterischen Tätigkeiten Ausdruck. Lassen wir uns selbst die Freiheit unserer eigenen Interpretation, die wir entsprechend des jeweiligen Themas oder Tätigkeitsfeldes ausrichten können. Halten wir gelegentlich inne, die gerade passende zu bezeichnen.

Heute haben wir für jede Gelegenheit ein funktionales Tool. Je nach individueller Verfassung benutzen wir diese in ihrer vorgesehenen Art. Spannend ist es dann, wenn wir uns inspirieren lassen, deren Funktionen ihrem Zweck zu entfremden. Die untypische Verwendung von Dingen ist oftmals ein erster Schritt. Gerade in Zeiten des Mangels, wurden und werden die begrenzten Ressourcen universell eingesetzt. Hatten die Kinder während der Nachkriegszeit viele Ideen, ein einfaches Holzbrett in ihr Spiel einzubinden, werden die Kinder heute mit unzähligen Funktionsspielwaren überschüttet, die kaum Raum für eigene Spielideen lassen. Geht mal in ein Spielwarengeschäft, schaut euch dort die sogenannten Kreativspielzeuge an, und findet dann die tatsächlich gegebenen Möglichkeiten, damit kreativ zu werden. Wen wundert es dann, wenn Kindern an diesen Spielwaren nach kürzester Zeit die Spannung verloren geht.

All jene Leute, die sich selbst nur wenig kreatives Potential zutrauen, können ihre schöpferischen Fähigkeiten ganz leicht trainieren. Es ist kein Geheimnis, dass sich kreative Profis verschiedener Techniken bedienen, Prozesse in Gang zu bringen oder zu halten.

Leonardo da Vinci äußerte dazu: “ Biete dem Geist zwei Gedanken an, und er muss sie verbinden.“

Damit trifft er den Kern des kreativen Schaffens, egal auf welchem Gebiet. Probiert es aus.

Hier eine Inspiration für Geschichten. Wählt zwei kontroverse Begriffe aus, idealerweise ein Substantiv und ein Verb: z.B. Die Mathematik tanzt. Stellt euch nun vor, wie das gehen könnte und was passiert…

Hier eine Inspiration für bildnerisches Gestalten. Nehmt ein beliebiges Blatt Papier. Betropft es mit mit Kerzenwachs und arbeitet das nun mit einem Stift aus. Mit diesen einfachen Mitteln können unendlich viele verschiedene Ergebnisse entstehen. Seid gespannt.

Diese beiden Anregungen zeigen, dass es ganz leicht ist, etwas eigenes zu kreieren. Wer nun nicht genug Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten aufbringen kann, oder wer an eine Blockade gerät,dem empfehle ich eine einfache Idee:

Stellt Euch jemanden vor, den ihr für besonders kreativ haltet. Stellt euch nun vor, ihr wäret diese Person. Nun geht an die Aufgabe genauso heran, wie es diese Person machen würde.

Natürlich bedienen sich Fortgeschrittene einer Fülle weiterer Kreativitätstechniken. Viele lassen sich auf ein Grundschema zurückführen, Wissen und Inspiration. Je mehr Wissen zu einem Thema bereits vorhanden ist, umso einfacher wird es, das miteinander zu verknüpfen.

Und hier schließt sich nun der Kreis zu Albert Einstein und der Intelligenz. Auch für die Intelligenz gibt es verschiedene wage gehaltene Definitionen. Im Wesentlichen werden hierbei die kognitiven Fähigkeiten, also die Informationsverarbeitung, das Denkvermögen, die Auffassungsgabe eines Menschen beschrieben. Je besser ich also Informationen miteinander verknüpfen kann, umso intelligenter werde ich sein. Voraussetzung ist also ein Wissensschatz auf vielen Gebieten, den wir uns im Laufe unseres Lebens aneignen. Würzen wir unser Wissen dann mit einer Portion Inspiration, dann sind wir kreativ und in der Lage ungeahnte Entdeckungen zu machen.

Unsere Intelligenz hat Spaß – die Mathematik tanzt.